Informatik-Kaderausbildung Basel-Landschaft, Basel-Stadt und Solothurn 2005/2006
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PRAXISERPROBUNG I

Teilszenario 1: Deutsch: Bildbetrachtung

Bei diesem Szenario, welches an der Schule für Brückenangebote in Basel umgesetzt wurde, übernahm der MP3-Player die Funktion eines „Hörführers“ im Museum. Die Führung wurde vorgängig als Podcast aufbereitet.

Das Sich-Äussern zu einem Bild hat mit Gefühlen zu tun und bereitet im Plenum der Altersgruppe ab 14 Jahren bis zum Erwachsenenalter aus diesem Grund immer wieder Schwierigkeiten. Einerseits besteht  ein enormes emotionales Potential, anderseits verhindert der Peer-Druck oftmals, dieses zu entwickeln. Hinzu kommt das Selbstverständnis der osteuropäischen Männerrolle, die ein differenziertes Sprechen über Wirkung von Kunst schnell als „schwul“ abhakt. Eine Chance haben bei einem grossen Teil der Jugendlichen fast ausschliesslich „geile“ Bilder, will sagen mythisch verbrämter, in Massenauflage als Poster greifbarer Kitsch. Ein anderer Teil der Jugendlichen mit differenzierterem kulturellem Hintergrund kommt sowohl mit der Wortmeldung als auch mit dem Bedürfnis nach vertiefter Auseinandersetzung zu kurz. Die Aufgabe, unsere Jugendlichen im Sprechen über Kunst zu unterweisen, muss solches berücksichtigen.

Es galt konkret, eine KVS Klasse (10. Schuljahr) an Dalís „Girafe en feu“ heranzuführen.[1] Als Diskussionsbasis und Beispiel für das Sprechen über Bilder sollte eine Schulfunksendung aus den 80er-Jahren mit einem stark psychologisierenden Ansatz zur Interpretation von Dalí verwendet werden. Die Schulfunksendung lag als Kassettenaufnahme vor. Da das Bild im Basler Kunstmuseum hängt, zu dem wir als Schulklasse freien Zutritt haben, drängte es sich auf, die Sendung in direkter Betrachtung des Originals zu hören. Das Hören eines Bildkommentars im Klassenverband hielten wir jedoch aus den oben genannten Gründen für eine schlechte Lösung. Zudem war es ausgeschlossen, im Kunstmuseum mit der Klasse eine Kassette zu hören. Als Medium, das allen Lernenden zur Verfügung stand und gleichzeitig individuelles Hören ermöglichte, kam lediglich der MP3-Player in Frage.

Also entschieden wir uns, diese Sendung zu digitalisieren und als Podcast zu verwenden. Dazu wurde die Kassette abgespielt und über den Line-in Eingang der Soundkarte mit dem Computer verbunden. Zur Aufnahme verwendeten wir das Programm Audacity.[2] Die nunmehr digitale Aufnahme speicherten wir als MP3-File ab und stellten sie als Podcast ins Netz. Die Schülerinnen und Schüler erhielten in der Woche vorher den Feedlink mit dem Auftrag, den Podcast auf ihren MP3-Player zu laden. Wir kündigten unseren Besuch im Kunstmuseum an und holten die Bewilligung für die hier gezeigten Fotos ein. Drei Tage vor dem Besuch wurde nachgefragt, ob das Aufspielen geklappt habe. Bei einigen musste auf dem Schul-PC geholfen werden, ja es bedurfte in einzelnen Fällen (iPod und kein Internet) sogar einer CD, die zu Hause eingelesen und dann via iTunes auf den Player übertragen wurde.

Die Sequenz im Kunstmuseum verlief aus unserer Sicht sehr erfolgreich. Nach einer allgemeinen, kurz gehaltenen Führung durch die wesentlichen Surrealismus-Werke der Basler Sammlung setzte sich die Klasse in freier Gruppierung vor das Dalí-Bild. Die kostenlos vom Museum zur Verfügung gestellten Klappstühle bewährten sich und sind für derartige Projekte sehr zu empfehlen. Die Jugendlichen hörten den Podcast im je eigenen Tempo. Manchmal kam jemand mit einer Frage zu mir, sonst herrschte die ganze Zeit des Hörens über absolute Ruhe und konzentriertes Hören, wie dies beim Abspielen eines Textes im Plenum niemals erreicht werden kann.

In der nächsten Deutschstunde war das Schülerfeedback durchwegs positiv, wenn auch die Antiquiertheit des Hörtexts und die Hördauer kritisiert wurden. Nun sollten über den Weg des Nachkonstruierens die wesentlichen Bildinhalte erinnert werden. Dazu mussten in einer kurzen Zeit mit vier unterschiedlichen Farben die Bildebenen nachkonstruiert werden (kl. Bild[3]). Es zeigte sich, dass die in der Sendung erwähnten und analysierten Merkmale der „femme coccyx“ von allen erinnert wurden, während bei der Bildkomposition grobe Fehler gemacht wurden.

Der nächste Zugang erfolgte – immer noch nicht schriftsprachlich – über die Farbe des Bildes. Anhand einer Umrisskizze sollte die Farbgebung und insbesondere deren Wirkung erinnert werden. Erst jetzt wurde die Folie[4] mit dem Bild erneut aufgelegt. Die Plenumsdiskussion zeigte, dass Begriffe aus der Sendung wie „Leidenschaft“, „brennende Sehnsucht“ und ähnliches tatsächlich rezipiert worden waren.

Die Lernkontrolle besteht in einer schriftlichen Bildbeschreibung, welche zwar durchaus vom Gehörten abweichen darf und soll, jedoch eine vertiefte Auseinandersetzung mit dem gehörten Text zeigen muss. 

Schlussfolgerung, Erkenntnisse und Anpassungen:

Diese Unterrichtssequenz zeigt eine starke Wirkung von konzentriert gehörtem Text im Zusammenhang mit der Bildbetrachtung. Die Vermutung, dass sich durch diese Methode keine, das Lernen erschwerende, konkurrenzierenden Wahrnehmungsquellen[5] ergeben, hat sich bewahrheitet. Das Sprechen über Kunst kann durch ein konzentriertes „Hören von Sprechen über Kunst“ angeregt werden. Der MP3-Player ist für diese Art von Unterricht ein idealer Begleiter, den wir bestimmt häufiger einsetzen werden.

Wir hatten bei den Jugendlichen zu viel technisches Know-how vorausgesetzt. Während sie einerseits sehr genau wussten, wie sie Musik auf ihre Player bekommen, stellten sie sich beim von der Schule vorgegebenen Tondokument teilweise ungeschickt an. Ein Teil dieses Verhaltens dürfte auf einen gewissen Widerstand gegenüber unserem „Eingriff auf die Hörprivatsphäre“ zurückzuführen sein. Wir mussten bei einzelnen Lernenden bestehende Musik vorübergehend löschen, um die 15MB erforderlichen Platz zu bekommen. Hier ist es wichtig, Platz auf dem Schulrechner dafür vorzusehen. Ein weiteres technisches Problem stellten die iPods dar. Offenbar synchronisiert iTunes einen angeschlossenen iPod automatisch, was angesichts unterschiedlicher Schülergeräte ausgesprochen lästig ist. Zudem lässt sich der iPod nur bei vorhergehender Partitionierung am eigenen PC auch als Wechseldatenträger ansprechen. Da dies selten der Fall war, mussten die Lernenden die Datei zu Hause entweder ab CD oder ab Podcast an ihrem eigenen PC laden.

Wir empfehlen zudem die Anschaffung einiger weniger MP3-Player für die Schule, damit ein allfälliges Vergessen des Gerätes am Stichtag nicht den ganzen Ablauf kippt. Hörer haben die Jugendlichen meist dabei. Ebenfalls sinnvoll ist das Mitführen einiger AAA-Batterien.


[1] Vgl. Material (2)

[2] Eine ausführliche Anleitung dazu finden Sie in den Materialien: „Kassetten digitalisieren“. Das Programm Audacity finden Sie unter (URL 3).

[3] Das Bild findet sich exemplarisch in den Materialien. Vorgabe war nicht Farbtreue, sondern hellste Farbe als Hintergrund, dunkelste Farbe in den Vordergrund.

[4] S. Arbeitsblatt „dali-folie-giraffe.jpg”

[5] Vgl. dazu z.B. Petko (Quelle 6, Folie 44), der einen verbesserten Lernerfolg durch Multimedia vom Vermeiden von Kanalkonkurrenz abhängig macht.


Podcasts im Unterricht | Tobias Pflugshaupt (BL), Bernhard Schuler (BS)